Jasna Góra

Jasna Góra

Sonntag, 18. Oktober 2015

Blöde Werbung

Auch Hörgeräte - nein es heißt jetzt Hörsysteme - werden von den Herstellern beworben.

Ich kann sehr gut verstehen, wenn die Hersteller in der Werbung darauf aufmerksam machen, was das Hörgerät alles kann. Schließlich gibt es da je nach Technik wirklich Unterschiede, und je nach Technik ist der Klang auch anders. Ich fand Musikhören am Anfang ganz furchtbar. Dann hat mein Akustiker mir noch ein Musik-Programm eingestellt und damit finde ich Musikhören nun sehr angenehm. So ein Programm hat natürlich nicht jedes Hörgerät, deswegen finde ich es durchaus legitim, da in der Werbung auch drauf hinzuweisen.

Zwei Aspekte sind es, die mich an der Hörgeräte-Werbung nerven.
Erstens: "Das Hörsystem ist fast unsichtbar" (siehe zume Beispiel hier und hier.)
Zweitens: "Klares Sprachverstehen auch bei Störgeräuschen" (siehe hier und nochmal hier)

Zum zweiten Punkt: Hörgeräte können niemals das leisten, was ein gesundes Ohr leisten kann. An die Genialität der göttlichen Schöpfung kommt die Technik einfach nicht heran. Freilich sind die Hörgeräte und auch die übrige Hörtechnik in den letzten Jahrzehnten wirklich sehr, sehr, sehr viel besser geworden. Es ist toll, was Hörgeräte heutzutage alles können, und ich bin dankbar dafür. Dennoch sind sie weiterhin eine Protese und ich finde es falsch, wenn Akustiker und Hörgerätehersteller immer so tun, als könne man mit Hörgeräten wieder normal hören. Auf diese Weise verstärken sie nämlich ein verbreitetes Vorurteil über Schwerhörige, nämlich das Vorurteil "Ach, die haben halt das Hörgerät im Ohr und hören jetzt wieder normal."

Ich höre mit Hörgerät immer noch anders und schlechter als Guthörende. Und Sprachverstehen bei Störgeräusch ist für mich immer ein sehr großes Problem. Es ist schön, dass die Hörgerätehersteller sich bemühen, die Hörtechnik an diesem Punkt zu verbessern. Aber sie sollen bitte nicht so tun, als höre man mit Hörgeräten wieder normal.

Das ist vielleicht auch eine Frage des Hörverlustes. Eine Person, die nur einen schwachen Hörverlust hat, kann mit Hörgeräten vielleicht wirklich wieder annähernd normal hören. Mein Hörverlust ist aber schon so stark, dass es nicht geht.

Zu Punkt eins: Ich weiß gar nicht, ob ich hier schonmal etwas darüber gepostet habe, dass ich die Unsichtbarkeit der Hörbehinderung manchmal als sehr nachteilig empfinde. Es gibt nichtbehinderte Leute, die zu mir sagen: "Ach, sei doch froh, dass man das nicht sieht. Dann fällt es nicht so auf."

Nein, ich bin meistens nicht froh über die Unsichtbarkeit der Hörschädigung. Erstens ergeben sich dadurch viele Missverständnisse, die nicht entstehen würden, wenn man die Hörbehinderung gleich sehen würde. Zum Beispiel wenn ich an der Kasse auf die Frage nach der Paybackkarte nicht antworte, weil ich so sehr damit beschäftigt war, mein Geld aus dem Portmonnaie zu kramen, dass ich gar nicht gemerkt habe, dass die Kassiererin mir noch eine Frage gestellt hat. Das gibt immer Irritationen, weil die Kassiererinnen oder Kassierer selten auf die Idee kommen, dass ich deswegen nicht antworte, weil ich schwerhörig bin.

Schon allein deswegen finde ich es wichtig, Hörschädigung sichtbar zu machen, am besten mit knalligen, schönen Hörgeräten und Ohrstücken.

Zudem haftet der Hörbehinderung immer noch ein Stigma an. (Ein paar Infos dazu hier und hier) Sie ist etwas, das man lieber versteckt, lieber nicht zeigt. Doch gerade das Verstecken bringt die großen Schwierigkeiten mit sich. Eben weil es dann immer Irritationen gibt. Wenn ich nicht zu meiner Hörschädigung stehe, dann kann es ganz schnell passieren, dass die Leute denken: "Oh, die ist aber schwer von Begriff." Weil ich ständig nachfrage. Oder sie denken: "Die ist aber arrogant." Weil ich nicht gehört habe, dass jemand gegrüßt habt und einfach weitergegangen bin.

Gerade deswegen finde ich es schade, dass die Hörgerätehersteller und auch die Akustiker das "Versteckspiel" mitmachen und immer damit werben, wie unsichtbar die neuen Hörgeräte doch sind. Ich kann durchaus verstehen, dass manche Leute Angst haben, ihre Schwerhörigkeit zu zeigen. Allerdings wäre es doch besser, den Menschen die Angst zu nehmen, anstatt das Versteckspiel mit zu machen und immer "unsichtbarere" Hörgeräte zu kreieren.

Ich habe so schöne rote Ohrpassstücke mit Brillies. Solche Ohrstücke liegen bei keinem Akustiker in der Auslage. Wenn man fragt, bekommt man schon einen dicken Katalog mit vielen schönen Modellen. Aber man muss halt fragen. Und das finde ich schade.

Mein erster Akustiker hat immer gesagt:
"Der Schmuck muss ja nicht unbedingt am Ohr hängen, er kann ja auch im Ohr sitzen!"
 So ist es!

Kommentare:

  1. Ich hab mal auf einem Foto einen Fahrradfahrer von hinten gesehen, der hatte auf dem Gepäckträger ein Plakat, gut für den hinter ihm fahrenden zu sehen, vielleicht 50 x 50 cm, mit dem "durchgestrichenen" Ohr drauf. Da weiß der nachfolgende Autofahrer, dass er nicht zu hupen braucht ... ein guter Hinweis, meiner Meinung nach.
    Ich bin mit 10 Sehfähigkeit nicht verpflichtet, einen weißen Stock zu benutzen, und ICH brauche ihn auch nicht, weil ich soweit sehen kann wie der Stock tastet. Aber mit Stock weiß der umgebende Verkehr, dass da mit mir was nicht stimmt, nämlich das Sehvermögen. Und das finde ich wichtig.

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    1. Das ist tatsächlich eine gute Idee, auch für schwerhörige oder gehörlose Autofahrer. Das sollte ich mir auch überlegen.

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  2. Ich bin mit 10 Prozent Sehfähigkeit ... sollte es natürlich heißen ...

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  3. Ich habe (in Berlin, wo es ja eigentlich so ziemlich alles gibt) noch nie ein schickes Hörgerät gesehen. Gut, ich bin selbst nicht betroffen, dann hat man nicht so die selektive Wahrnehmung dafür - aber sowas Schickes wie Deine Brillis auf rotem Grund wäre mir sicher aufgefallen. Ich finde das gut.
    Ich meine - es gibt schicke Brillen (schon lange), schicke Rollstühle (etwa seit den 80er Jahren) und bereits erste Versuche schicker Rollatoren - da wird das mit den Hörgeräten höchste Zeit!

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    1. Hallo Claudia,
      willkommen auf dieser Seite. Danke für den Kommentar. Ich kenne ein paar Leute, die schicke, bunte Hörgeräte und Ohrstücke haben. Aber hier in Tübingen habe ich auch erst einmal eine Frau gesehen, mit bunten Ohrstücken. Manche Leute sagen auch zum mir: "Die sind aber toll. Wenn ich mal Hörgeräte brauche, dann nehme ich auch so welche mit Brillies." Gerade deswegen finde ich es so schade, dass viele Akustiker und Hörgerätehersteller doch mehr auf die unscheinbaren Geräte setzen. Naja, so ist's halt.

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