Jasna Góra

Jasna Góra

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Vorstellung I

In den vorangegangenen Posts habe ich schon ein wenig beschrieben, wie das Leben mit der Schwerhörigkeit so aussieht, eigentlich wollte ich den Blog aber damit beginnen, mich vorzustellen und einen kurzen Rückblick auf meine Kindheit und Jugend zu geben.

Ich bin 29 Jahre alt, habe Geschichte und Romanistik studiert, promoviere zur Zeit und ich bin schwerhörig. Im Ärzte-Jargon heißt das: an Taubheit grenzend schwerhörig. Damit hat das Problem einen Namen, vorstellen kann man sich darunter aber nicht viel. Für die Experten unter Euch: Ich habe links einen mittleren Hörverlust von 90 dB und rechts einen mittleren Hörverlust von 95 dB. Für diejenigen, die sich mit dB nicht so gut auskennen: Ein mittlerer Hörverlust von 90 dB bedeutet, dass man erst anfängt zu hören, wenn die Geräusche etwa so laut sind, wie in vorbeifahrender LKW.

Ich bin von Geburt an schwerhörig. Allerdings habe ich fast 10 Jahre lang verstecken gespielt. Sprich: Ich habe versucht, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich schwerhörig bin. Das ist gar nicht so schwer. Schwerhörigkeit sieht man nicht. Das ist der große Nachteil. Das ist auch der Grund, warum man sie verstecken kann.
Ich habe früh damit begonnen, den Leuten auf den Mund zu schauen, wenn sie redeten. Die Guthörenden freuten sich, dass ihnen jemand so aufmerksam zuhört. Dabei habe ich das ja gemacht, um von den Lippen abzusehen. Mitunter ist es gar nicht so einfach, den Leuten vom Mund abzusehen, etwa dann wenn sie einen Vollbart haben. Oder in der Turnstunde, wenn man im Kreis durch die Halle rennen muss und der Lehrer dann vom anderen Ende der Halle irgendwelche Befehle ruft. Zum Beispiel dass man jetzt nicht mehr laufen, sondern hüpfen soll. Ich behalf mir damit, dass ich immer auf die anderen Kinder schaute, und nachmachte, was sie machten. Dieses ständige Schauen auf die anderen Kinder oder auf den Lehrer kann bei diversen Gymnastikübungen übrigens zu außergewöhnlichen Verrenkungen führen. Immerhin bin ich deswegen bis zum heutigen Tag sehr gelenkig, das kann ja auch nicht schaden.

Nicht ganz unkompliziert sind da auch Diktate. Ich musst ja immer auf den Mund des Lehrers starren, um ihn zu verstehen, gleichzeitig aber auch in mein Heft, um zu sehen, was ich schreibe. Ich versuchte also immer, erst den Lehrer anzuschauen und den Satz abzusehen und dann blitzschnell zu schreiben, damit ich, wenn er weiterdiktiert, den Satz schon fertig geschrieben hatte. Zuhören und schreiben gleichzeitig können Schwerhörige nicht.

Dennoch ist mir das Ganze wohl relativ gut gelungen, ich hatte meist gute Noten und weil ich immer brav war, fiel ich auch weiter nicht auf. Eine Zeit lang hieß es, ich würde lispeln, aber auch das brachte niemanden auf die Idee, dass ich vielleicht schlecht höre.

Ums Telefonieren drückte ich mich irgendwie herum, in meiner Kindheit war es ohnehin noch nicht so üblich, ständig am Telefon zu hängen. Wenn man mit seinen Freunden sprechen oder spielen wollte, ging man einfach hin.

Manchmal hat mir auch einfach der Zufall (oder mein Schutzengel) geholfen. Einmal hat meine Freundin hinter mir gerufen. Ich sollte auf sie warten, sie wollte mich einholen und mit mir zusammen zur Schule laufen. Ich hatte ihr rufen nicht gehört, habe mich aber, einem inneren Impuls folgend, umgedreht. Tja, und dann sah das so aus, als hätte ich gehört.

Auch versucht man als Schwerhöriger, den Hörverlust mit den anderen Sinnen zu kompensieren. So habe ich manchmal an einem Lufthauch gemerkt, dass jemand kommt. Ich will nicht sagen, dass meine Sinne schärfer sind, als bei Guthörenden, aber ich achte mehr darauf, weil ich es brauche.

Sehr wichtig ist auch eine gute Kombinationsgabe. Wenn jemand einen Satz sagt, verstehe ich nur Bruchstücke. Und mit diesen Bruchstücken muss ich dann schauen, was die fehlenden Stücke sein könnten. Ich überlege also, was der Kontext ist, ich schaue, was Mimik und Gestik des Sprechers sagen, und so versuch ich mir zusammenzureimen, worum es geht.
Das habe ich schon als Kind gelernt und mit diesen Fähigkeiten konnte ich die Schwerhörigkeit überspielen.

Meine Eltern haben sich zwar schon hier und da gewundert, wenn ich auf Zurufe nicht reagiert habe, oder wenn ich das Telefonklingeln nicht hörte. Aber das Wort hören hat ja zwei Bedeutungen: hören im Sinne von akustisch wahrnehmen und hören im Sinne von gehorchen. So sagte man also einfach ich würde nicht hören wollen. Zumal mein HNO-Arzt steif und fest behauptete, mein Gehör sei in Ordnung.

Wie kam es, dass mein HNO-Arzt nicht gemerkt hat, dass ich schwerhörig bin. Nun ich muss gestehen, dass ich bei den Hörtests geschummelt habe. Man soll ja immer erst dann den Knopf drücken, wenn man den Ton hört. Ich habe aber immer ein Weilchen gewartet und dann einfach gedrückt. Dennoch kann ich meinen Arzt nicht ganz aus der Verantwortung lassen. Warum hat er mit mir keine Sprachtests gemacht, wo man Wörter nachsprechen muss? Da hätte ich nicht schummeln können. Zweitens: Weil ich ja immer einfach so gedrückt habe, sah meine Hörkurve bei jedem Hörtest anders aus. Das hätte ihn stutzig machen müssen.

Warum wollte ich nicht, dass meine Umwelt merkt, dass ich schwerhörig bin? Nun zum einen kannte ich niemanden, der schwerhörig war, höchstens ein paar alte Leute. Aber ich war ja noch keine alte Oma und außerdem wollte ich einfach normal sein, also nicht anders als die anderen. Zweitens: Alexander Görsdorf hat es schön auf den Punkt gebracht: Schwerhörigkeit ist unsexy (Taube Nuss, S. 21). Schwerhörige gelten oft als schwer von Begriff, dumm, langsam etc.

Heute weiß ich, dass ich mir vieles erspart hätte, wenn ich früher zugegeben hätte, dass ich schwerhörig bin. Wie oft bin ich zu unrecht geschimpft worden, weil man dachte, ich würde nicht gehorchen wollen. Dabei hatte ich nur einfach nicht richtig gehört. Auf der anderen Seite war ich durch das Versteckspiel intellektuell immer sehr gefordert. Das macht klug :)

Ich erinnere mich, dass meine Freundinnen beim Spielen draußen sehr oft sagten: "Da ist ein Vogel." Ich schaute dann immer herum, konnte den Vogel aber meistens nicht entdecken und fragte dann immer: "Wo?" Daraufhin erwiderten meine Freundinnen: "Weiß ich nicht, irgendwo da." Ich wunderte mich sehr darüber. Wenn die doch wussten, dass da ein Vogel ist, dann mussten die den doch auch sehen! Als ich dann mit 10 Jahren mein Hörgerät bekam hörte ich zum ersten Mal Vogelgezwitscher und da hatte ich auch die Antwort auf meine Frage. Meine Freundinnen hatten den Vogel nicht gesehen, sondern gehört.

Kommentare:

  1. Ich bin zwar nicht schwerhörig, sondern "nur" Stotterer, allerdings finde ich eine Vielzahl von Übereinstimmung mit ihren geschilderten Problemen. Scham, Angst vor dem Outing und als dumm abgestempelt zu werden, waren ständige Begleiter in meinem Leben, bis zu einer Therapie. Irgendwann dachte ich, dass der liebe Gott mir diesen Sprachfehler in die Wiege gelegt hat, damit er mich vor unsinnigem Geschwätz meinerseits bewahren wollte. Was soll ich sagen: Er hat ja so recht gehabt. Werde hier regelmäßig mit lesen.

    AntwortenLöschen
  2. Vielen Dank für Ihren Kommentar! Ich habe auch irgendwann gedacht, dass der liebe Gott so seine Gründe gehabt hat, warum er mir die Schwerhörigkeit in die Wiege gelegt hat. Ich werde das irgendwann in einem Post noch schreiben. Gottes Segen!

    AntwortenLöschen